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Die Sequenzierung des menschlichen
Erbguts ist weitgehend abgeschlossen. Nun gilt es, den rund drei Milliarden
Buchstaben des genetischen Buches, unseres Genoms, Funktionen
zuzuordnen. Man schätzt, dass nur drei bis fünf Prozent der menschlichen DNA
tatsächlich funktionelle Gene darstellen, der Rest ist größtenteils eine Art
Biomüll. Mit der in-vitro-Expressionsklonierung gelingt es, die echten
Gene aus diesem Biomüll aussortieren.
Als Präsident Bill Clinton im
Juni 2000 bei einer Pressekonferenz die Lösung des genetischen Codes als wichtigsten
wissenschaftlichen Meilenstein des vergangenen Jahrhunderts bezeichnete, standen zwei
Männer mit ihm auf dem Podium vor dem Weißen Haus.
Die wissenschaftlichen Leiter zweier Genomprojekte J. Craig Venter, Präsident von Celera Genomics, und Francis Collins, Direktor des National Human Genome Research Institute, wurden
für ihr erfolgreiches Bemühen, die drei Milliarden Buchstaben des
menschlichen Genoms nun bald buchstabieren zu können, geehrt.
Das Genom schreibt die Anleitungen für
die Zusammensetzung des Proteingerüstes innerhalb jeder Zelle in jedem Gewebe des
menschlichen Körpers. Dieses Lebensbuch wird unweigerlich die Geheimnisse
über Gesundheit und Krankheit preisgeben.
Die richtige Herausforderung beginnt
aber erst jetzt. Die verkündeten Ergebnisse bieten gerade mal eine erste Grundlage für
das eigentliche, ungleich schwieriger erreichbare Ziel: die Suche nach Medikamenten, mit
denen Krankheiten geheilt, schädliche Vorgaben im menschlichen Erbgut ausgeschaltet und
positive Erbeigenschaften herausgestellt werden können.
Genomik und Proteomik
Was die Forscher bis jetzt geleistet
haben, sieht aus wie ein Text in einer fremden Sprache, in dem die Wörter nicht getrennt
sind, Punkt wie Komma fehlen und Sätze durch lange Strecken scheinbar sinnloser
Schriftsätze unterbrochen sind. Die Wissenschaftler sehen den genetischen Bauplan des
Menschen, verstanden haben sie ihn noch nicht.
Viele Fragen über die Funktion
individueller Genprodukte und ihre medizinische Bedeutsamkeit sind noch offen.
Wissenschaftler wenden sich mittlerweile von der reinen strukturellen Genomik (die
Entdeckung und Sequenzierung eines Gens) der funktionellen Zuordnung dieser genetischen
Elemente zu, d.h. der Analyse von Expression, Struktur und Funktion der kodierten Proteine
(Proteomik) (Abb. 1).

- Abb.1. Genomik...zur funktionellen Genomik.
>Für
die Charakterisierung von Proteinen nach ihrer Funktion und für die Identifizierung der
korrespondierenden Gene ist der kombinatorische Einsatz biochemischer und genetischer
Methoden unabdingbar.
Dazu greifen die Genomforscher immer
häufiger auf zellfreie in-vitro-Systeme
zurück. Die in-vitro-Expression von Proteinen
ergänzt die bisherigen Methoden, die sich rein auf die Analyse von DNA und RNA
beschränken.
Vom Gen zum Phän in wenigen Stunden
Zwei Strategien sind möglich: (1) in vitro oder in
vivo transkribierte mRNA dient als Ausgangsmaterial für eine Translationsreaktion im
Lysat aus Kaninchenretikulozyten oder im Weizenkeimextrakt; (2) DNA wird direkt in
Systemen eingesetzt, bei denen die Prozesse Transkription und Translation in einem
Reaktionsschritt gekoppelt sind. Letzteres Vorgehen bildet die wissenschaftliche Grundlage
für die TNT®-Systeme
der US-amerikanischen Firma Promega. Die DNA-Matrize kann entweder ein in ein Plasmid
inseriertes Gen oder ein lineares PCR-Fragment sein.
Vor das unbekannte Gen ist idealerweise
ein Promotor der Bakteriophagen T3, T7 oder SP6 geschaltet, da im TNT®-System die
Transkriptionsreaktion von der jeweiligen Phagen-RNA-Polymerase gesteuert wird. Nach
Zugabe der DNA steht das gesuchte Protein bereits nach ein bis zwei Stunden für geeignete
Darstellungsverfahren zur Verfügung.Seit ihrer Einführung 1992 werden die
TNT®-Systeme,
Expressionssysteme auf der Basis von Retikulozytenlysat oder Weizenkeimextrakt, ständig
weiter entwickelt. So gibt es seit einigen Monaten ein TNT®-System, das speziell
für PCR-Fragmente konzipiert wurde. Die jüngste Entwicklung auf diesem Gebiet ist das Gold TNT®-T7 Express 96 SystemNT®-T7 Express 96 SystemNT®-T7 Express 96 SystemNT®-T7 Express 96 System,
das sich besonders für Anwendungen im Hochdurchsatzformat eignet. Es handelt sich dabei
um präparierte Mikrotiterplatten, in deren 96 Vertiefungen jeweils alle erforderlichen
Komponenten (bis auf die Ziel-DNA) für eine T7-gesteuerte, gekoppelte
Transkriptions-/Translationsreaktion enthalten sind. Damit lassen sich in kürzester Zeit
bis zu 96 DNA-Proben gleichzeitig analysieren.
Suche nach offenen Leserastern
Bei der Identifizierung unbekannter
Gene steht zunächst die Frage im Vordergrund, ob und wo in dem untersuchten DNA-Bereich
offene Leseraster (ORFs), d.h. echte Gene, die für Proteine kodieren, vorkommen.
Ein offenes Leseraster erkennt man an einem Initiationskodon am Anfang (meistens ATG, aber
auch GTG), gefolgt von einer längeren Nukleotidsequenz, die für die entsprechende
Aminosäuresequenz kodiert, und einem Terminationskodon am Ende (TAA, TAG oder
TGA).
Über in-vitro-Expression können unbekannte cDNA-Klone
auf das Vorhandensein offener Leseraster überprüft werden. Außerdem lassen sich damit
anhand der DNA-Sequenz getroffene Vorhersagen bestätigen bzw. widerlegen. In beiden
Fällen korreliert man Größe und Struktur der entstehenden Peptide mit Größe und
Sequenz der korrespondierenden DNA.
Die natürliche Proteinstruktur stets im Blickpunkt
Die DNA- bzw. Aminosäuresequenz eines
klonierten Gens gibt nur annähernd Aufschluss über das wirkliche Molekulargewicht des
gesuchten Proteins. Diskrepanzen entstehen, weil in der Zelle die meisten Proteine
während oder nach der Translation biochemisch modifiziert werden. Modifizierungen wie
proteolytische Spaltung, die Anheftung von Zuckerresten, Lipiden, Phosphat- oder
Adenylgruppen sind für Struktur und Funktionalität eines Proteins essentiell.
Wie kann man diese Prozesse in vitro nachstellen? In reinen Lysaten
und in den TNT®-Systemen
finden praktisch alle Proteinmodifizierungen statt, die normalerweise zytosolischer Natur
sind. In-vitro-synthetisierte Proteine werden
an den dafür vorgesehenen Stellen beispielsweise phosphoryliert [1],
adenyliert, oder proteolytisch
gespalten [2]. Prozesse im endoplasmatischen Retikulum (ER), lassen sich durch Zugabe
mikrosomaler Membranen - aus der Bauchspeicheldrüse von Hunden isolierte ER-Vesikel -
imitieren. In Anwesenheit der Mikrosomen wird u.a. die aminoterminale Signalsequenz von
Proteinen abgespalten [3], werden intra- und intermolekulare Disulfidbrücken gebildet und
Glykosylreste auf das Protein übertragen [4].
An der Bildung der natürlichen
Konformation eines Proteins sind in aller Regel intrazelluläre
Faltungshelfer, sogenannte Chaperone, beteiligt. In den Lysaten/Extrakten und
in den Mikrosomen, die bei der in-vitro-Expression
eingesetzt werden, finden sich die Aktivitäten bekannter Chaperone, wie z.B. Vetreter der
Hitzeschockprotein-(HSP)-Familie, Calnexin oder Proteindisulfidisomerase [5].
Zusammenspiel verschiedener Moleküle - Beispiele für
Funktionsnachweise
Zellfreie Systeme eignen sich
besonders, um potentielle Interaktionspartner des untersuchten Proteins zu identifizieren
und dadurch auf etwaige Funktionen zu schließen. Interaktionspartner können entweder
andere Proteine oder Nukleinsäuren (DNA oder RNA) sein.
Bei Protein/Protein-Wechselwirkungen
dient die Methode häufig dazu, Ergebnisse, die mit in-vivo-Ansätzen
erzielt wurden zu überprüfen, bzw. zu verifizieren (Abb. 2). Um eine Bindungsstelle zu
definieren, setzt man gezielt Mutationen in die zu exprimierende DNA. Der Vergleich mit
dem Wildtyp gibt Aufschluss über das Bindungsverhalten. Mit dieser Methode wurde z.B.
untersucht, inwieweit die Wechselwirkung zweier Proteine Einfluss auf die Auslösung des
programmierten Zelltods (Apoptose) nimmt [6].
Abb.2. Protein/Protein Wechselwirkungen.
In vitro exprimiertes, markiertes Protein 1
interagiert mit Protein 2, das in vivo (in E.coli) exprimiert und über eine Säule
aufgereinigt bzw. immobilisiert wurde. Erfolgreich eluierte Komplexe werden in der
Gelelektrophorese analysiert.
In
vitro-Expression ist bei der Suche nach Transkriptions- oder Translationsfaktoren, die
an definierte DNA- bzw. RNA-Sequenzen binden, ebenfalls das Mittel der Wahl. Bindet das in vitro-synthetisierte Protein an die bekannte
DNA/RNA-Sequenz, bleiben die gebundenen Moleküle in der Gelelektrophorese hinter den
freien zurück (Electro Mobility Shift Assay, EMSA) (Abb. 3).
Abb. 3. Protein/Nukleinsäure-Wechselwirkung.
Protein/DNA-Komplexe analysiert man anhand ihres Wanderungsverhaltens in
Polyacrylamidgelen (Gel Shift). Ungebundene Nukleotide wandern bis zum unteren
Gelende, Protein/DNA-Komplexe verbleiben am oberen Gelrand.
Rasches Screening ganzer cDNA-Banken - Das IVEC-Prinzip
Früher haben Forscher Proteine anhand
einer bestimmten Eigenschaft oder Funktion langwierig aufgereinigt und das entsprechende
Gen über mehrere Schritte (Proteinaufreinigung, Peptidsequenzierung, Isolierung der
komplementären DNA) gewonnen. Das ist recht umständlich und zeitintensiv.
Im Labor von Marc Kirschner, einem
Erforscher des Zellzyklus, sann man danach, die Auswahl biochemischer Methoden zur
Charakterisierung von Proteinen auszuweiten, ohne dabei jedoch wieder auf komplexe
Aufreinigungsmethoden zurückgreifen zu müssen. Die Forschungsgruppe entwickelte daher
1997 eine rasche in-vitro-Methode: IVEC (In
Vitro Expression Cloning) [7].
Bei diesem Verfahren isoliert man von
ausgewählten Zellen oder Geweben die RNA und schreibt diese mit Hilfe von
oligo(dT)-Primern, die an proteinkodierende mRNA-Moleküle binden, zurück in die
entsprechende zellspezifische cDNA (mRNA-basierende cDNA-Bank). Diese wird direkt in
sogenannte high copy-Plasmide mit T3, T7 oder SP6-Promotor kloniert und
anschließend in E.coli-Bakterien transformiert.
Wenn die ausplattierten Bakterienkolonien die richtige Größe haben (1mm), werden jeweils
50 bis 100 davon als Pool zusammengefasst und einer Plasmid-DNA-Extraktion unterzogen.
Diese Plasmid-Pools dienen direkt als Matrize für die Proteinsynthese im TNT®-System. Abhängig von
der Anzahl der cDNA-Moleküle mit vollständiger Länge werden 30 bis 50 verschiedene
Proteine in einem einzigen Reaktionsansatz synthetisiert (Abb. 4).
Bei jedem Schritt wird ein Teil der
jeweiligen Pools (cDNA, Bakterien, Plasmide, Proteine) für weitergehende Analysen
zurückbehalten. Sollten sich etwa bei der ersten Analyserunde nur auf einer der
Ausgangsplatten Kolonien mit vielversprechenden Kandidaten finden, wird man in den
folgenden Untersuchungen auch nur auf diese Pools zurückgreifen und somit die Suche
systematisch eingrenzen.
Abb.4.
In vitro Expression Cloning. Protein/DNA-Komplexe
analysiert man anhand ihres Wanderungsverhaltens in Polyacrylamidgelen (Gel
Shift). Ungebundene Nukleotide wandern bis zum unteren Gelende, Protein/DNA-Komplexe
verbleiben am oberen Gelrand.
Wachsender Bedarf
Die IVEC-Methode fand seit ihrer
Entwicklung auf sehr verschiedenen Forschungsgebieten Anhänger. Man ist damit in der
Lage, Substrate für definierte Enzyme oder auch DNA-bindende Proteine (z.B. Nachweis von
Transkriptionsfaktoren über EMSA, s.o.) zu identifizieren. In einem typischen
Reaktionsansatz werden die in-vitro-exprimierten
Proteine mit einem entsprechenden Enzym (z.B. Phosphatase, Kinase oder einer Protease)
inkubiert und über eine SDS-Gelelektrophorese aufgetrennt. Die potentiellen
Kandidaten lassen sich anhand ihrer elektrophoretischen Mobilität aufgrund
veränderten Molekulargewichts im Vergleich mit der unbehandelten Probe heraus deuten
(Abb. 4).
Kirschner und seine Kollegen suchten
Substrate, die während der Mitose phosphoryliert oder abgebaut werden (Abb. 5). Sie haben
die im TNT®-System
synthetisierten Protein-Pools mit Extrakten von Zellen, die sich entweder in der
Interphase oder in der Mitose befanden, inkubiert und anhand der Gelanalyse entsprechende
Rückschlüsse ziehen können (Abb. 6). Es gelang damit, fünf neue Gene zu
identifizieren, deren Genprodukte während der Mitose phosphoryliert werden [8].
Schematische
Darstellung wie die Gruppe um M.Kirchner ausgehend von Interphase- und Mitoseextrakten aus
Xenopus-Oozyten neue Zellzyklus-Proteine identifizierte.
Folge-Screenings als Kontrolle für die
beobachteten Ergebnisse sind wichtig. Zum Nachweis von Kinasesubstraten behandelt man die
Probe mit einer Phosphatase, was wieder zu einer Verringerung des zuvor erhöhten
Molekulargewichts führen sollte. Potentielle Substrate von Proteasen wird man im
Folge-Screen durch Inkubation mit Hemmstoffen der betreffenden Protease
überleben lassen.
Neuere Publikationen lehren, wie man
über funktionelle Ansätze mit IVEC neue Gene identifizieren kann. So gelang es, über
die Hemmung der aktiven Zentren bestimmter Enzyme eine bis dahin unentdeckte Familie von
Uracilglykosylasen zu identifizieren [9]. Die Entwicklung des Gold TNT®-T7 Express 96 SystemNT®-T7 Express 96 SystemNT®-T7 Express 96 System
bietet überdies eine hervorragende Voraussetzung, um die IVEC-Technologie auch für
Hochdurchsatz-Screenings interessant zu machen.
Abb 6. Isolierung von mitotisch phosphorylierten und
degradierten Proteinen durch IVEC. Protein-Pools wurden mit Interphase oder
mitotischen Oozyten-Extrakten inkubiert und in der Gelelektrophorese analysiert. Pool (A)
ist negativ; Pool (B) enthält ein Kinasesubstrat; Pool (C) enthält ein
Proteasesubstrat.
-
Fazit
Die Tatsache, dass bei der in-vitro-Expression sowohl Reaktionsbedingungen als
auch Endprodukte gezielt beeinflussbar sind, eröffnet für die Genomforschung völlig
neue Ansatzmöglichkeiten. Faszinierend auch, dass mit der IVEC-Technologie die in-vitro-Expression von mRNA - in Form der
korrespondierenden cDNA - Einzug in die Genomforschung gehalten hat. Die Methode ist daher
bestens geeignet, um mehr über die Funktionen neuer Gene zu erfahren.
Der Vergleich des menschlichen Genoms
mit dem anderer Organismen wird Biologen in aller Welt helfen, zu verstehen, wie
komplizierte Wesen aus einfacheren entstanden sind, und welche Teile der genetischen
Information ausschließlich humaner Natur sind. Es muss ein Meilenstein in der
menschlichen Geschichte sein, wenn man einen ersten Blick auf das Lebensbuch werfen
kann, sagte einst James Watson, der zusammen mit Francis Crick vor etwa einem halben
Jahrhundert die Struktur der DNA aufklärte. Indes dieses Buch zu besitzen, wird die
Welt verändern.
&[1] Curran T., Gordon, M.B., Rubino,
K.L., Sambucetti, L.C.: Isolation and characterization of the c-fos(rat) cDNA and analysis
of post-translational modification in vitro. Oncogene. 1987;2(1):79-84.
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[3]
Bulleid N.J., Curling E., Freedman R.B., Jenkins N.: Source of heterogeneity in secreted
interferon-gamma. A study on products of translation in vitro. Biochem J. 1990 Jun
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P.T.; McGarry T.J., Kirschner M.W.: Expression cloning in the test tube. Science. 1997 Aug
15;277(5328):973-4.
[8] Stukenberg P.T., Lustig K.D., McGarry
T.J., King R.W., Kuang J., Kirschner M.W.: Systematic identification of mitotic
phosphoproteins. Curr Biol. 1997 May 1;7(5):338-48.
[9] Haushalter K.A., Stukenberg P.T., Kirschner M.W., Verdine G.L.:
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synthetic inhibitors. Curr Biol. 1999 Feb 25;9(4):174-85.
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