"Symposium "Zukunft des
Wissenschaftsjournalismus"
Dr. Norbert Lossau, Leiter des Ressorts
Wissenschaft bei DIE WELT, diskutierte mit
führenden Vertretern aus Wissenschaft und
Journalismus über die Frage, ob der
Wissenschaftsjournalismus in Zeiten sinkender
Auflagen und Umstrukturierungen auf der Strecke
bleibt.
Zusammenfassung:
Wissenschaftsjournalismus ist bei den
Zeitungslesern beliebt. In
Readerscan-Analysen überregionaler Zeitungen
rangiert die Wissenschaftsseite auf den
ersten fünf Plätzen - noch vor Kultur und
Sport. Dennoch unterhalten inzwischen nur
noch sechs Tageszeitungen eine täglich
erscheinende Wissenschaftsseite. Die
Financial Times Deutschland und die Berliner
Zeitung haben ihre tägliche
Wissenschaftsseite eingestellt, bei der
Passauer Neuen Presse ist die viel gelesene
Seite in die Hände des Politikredakteurs
gelangt. Der Journalismus hat 2001 mit dem
Einbruch der Werbewirtschaft und 2008 mit
der globalen Wirtschaftskrise zwei Zäsuren
erfahren.
Journalismus keine Lebensgrundlage
Spürbar ist dies vor allem für die freien
Journalisten. Für eine ganze Seite in der
Zeitung (etwa 10.000 Zeichen) zahlen die
Redaktionen in Deutschland unter 200 Euro.
Freier Journalismus ohne ein zweites
Standbein ist so nicht mehr möglich. Warum
sollte ein Naturwissenschaftler noch
Journalist werden?
Eine statt mehrere Meinungen?
Gleichzeitig wird es für Journalisten immer
wichtiger, mehrere Ressorts abdecken zu
können. Die Konsequenz: Naturwissenschaften
sollten bereits im Studium belegt werden, um
eine fundierte Berichterstattung leisten zu
können. Dennoch können selbst Journalisten
mit naturwissenschaftlichem Hintergrund
nicht auf der Höhe der Themen sein. Für
tiefgängige Berichte sind sie auf Experten
angewiesen. Aufgrund von Zeitdruck und
Personalknappheit schaffen sie es aber
häufig nicht, mehrere Meinungen einzuholen,
so dass die gleichen Experten überall zu
hören sind.
PR statt Journalismus?
Geld für eine gute und anschauliche
Wissenschaftsberichterstattung fließt
inzwischen vermehrt in die Pressestellen der
Universitäten. In Hochglanzmagazinen werden
Forschungsschwerpunkte von öffentlichen
Forschungseinrichtungen, wie der Helmholtz
oder Max-Planck Gesellschaft, publiziert.
Diese erreichen jedoch nicht die breite
Masse der Bevölkerung und sie können die
Funktion einer Tageszeitung nicht ersetzen.
Wissenschaftskommunikation wird dennoch an
Bedeutung gewinnen. Schon heute existieren
mehr Pressesprecher als Journalisten. Der
Argwohn der Journalisten gegenüber PR
allerdings ist riesengroß.
Die Visionen
Wie kann sich der Wissenschaftsjournalismus
trotz schrumpfender Redaktionen und
zusammengelegter Ressorts weiterentwickeln?
Sollten sich zukünftig, wie bereits bei der
FAZ realisiert, Wissenschaft und Kultur die
Seiten teilen? Wächst die Bedeutung des
Wissenschaftsjournalismus und verliert
dennoch an Boden? Wissenschaftliche Artikel
müssen verlässlich, verständlich und
verlockend sein. Junge Menschen dürfen nicht
vom Berufsbild abgeschreckt werden. Die
Information muss die Menschen erreichen. In
der Zukunft sind neue und zur Zeit noch
nicht bekannte Medien denkbar. Diese werden
das Interesse bedienen.
Die Symposiums-Teilnehmer
Dr. Gerhard Höfle
Prof. Dr. Gerhard Höfle (1940) studierte und
promovierte an der TU München. Nach
Post-doc-Stationen in München und am MIT,
Cambridge, Mass./USA, war er
Assistenzprofessor an der TU Berlin und
habilitierte dort 1975 für das Fachgebiet
Organische Chemie. Seit 1983 ist er Apl.
Professor für Organische Chemie an der TU
Braunschweig. Von 1978 bis 2005 leitete er
die Abteilung Naturstoffchemie an der
Gesellschaft für Biotechnologie Forschung
mbH (GBF, heute Helmholtz-Zentrum für
Infektionsforschung) in Braunschweig.
Dr. Patrick Honecker
Dr. Patrick Honecker leitet die Stabsstelle
Presse- und Kommunikation der Universität zu
Köln. Der gelernte Journalist hat nach einer
Redakteursausbildung beim Südwestrundfunk in
der Wissenschaftsredaktion des
Deutschlandfunks gearbeitet und für diverse
Print-Medien geschrieben (u.a. DIE ZEIT). Er
hat zahlreiche Artikel über
Wissenschaftskommunikation verfasst, u.a. im
Handbuch „Wissenschaft kommunizieren“
und in der Deutschen Universitätszeitung
(DUZ). Bevor er die Stabsstelle in Köln
aufgebaut hat, war er mit der Leitung eines
Referats bei der Bund-Länder-Kommission für
Bildungsplanung und Forschungsförderung
beauftragt. Dr. Patrick Honecker ist Fellow
Wissenschaftsmanagement des Stifterverbands
für die Deutsche Wissenschaft, Vorstand des
Vereins Pro Wissenschaft und Mitglied des
Wissenschaftlichen Beirats der Universität
Siegen. Er arbeitet regelmäßig als
Moderator, Referent und Trainer für
Hochschulen, Wissenschaftseinrichtungen und
Ministerien.
Dr. Norbert Lossau
Dr. Norbert Lossau leitet das Ressort
Wissenschaft bei den Zeitungen DIE WELT,
Welt am Sonntag und der Berliner Morgenpost.
Vor dem Beginn seiner journalistischen
Tätigkeit bei der WELT im Jahre 1990
arbeitete er als freier Journalist für
Fernsehen (WDR), Tageszeitungen und
Magazine. Von 1994 bis 2003 engagierte sich
Lossau als Vorstandsmitglied der
Wissenschaftspressekonferenz e.V., in der er
heute im Beirat vertreten ist. Von 1997 bis
2002 hatte er einen Lehrauftrag für
Wissenschaftsjournalismus an der Berliner
Charité. Lossau wurde 1959 geboren und
ist promovierter Physiker. Er ist Autor
mehrerer Sachbücher, unter anderem
„Röntgen“ und „Wenn Computer denken
lernen“.
Paul-Josef Raue
Jahrgang 1950, ist Chefredakteur der Thüringer
Allgemeine. Zuvor war er Chefredakteur in
Braunschweig, Magdeburg, Frankfurt, Marburg
sowie Gründer der Eisenacher Presse, der
ersten deutsch-deutschen Zeitung nach der
Wende. Er baute das Wirtschaftsmagazin
Econy, das heutige Brand Eins, mit auf. Mit
seinen Redaktionen gewann er viele
Journalistenpreise, darunter den Deutschen
Lokaljournalistenpreis. Er lehrte an
Universitäten, ist in der Aus- und
Weiterbildung von Journalisten tätig und
Autor vieler Aufsätze zum Journalismus
sowie, zusammen mit Wolf Schneider, Autor
des "Handbuch des Journalismus", das mit
etlichen Auflagen als Standardwerk gilt.
Helge Sieger
Helge Sieger ist als selbstständiger
Medienberater, Journalist und TV-Producer
für 70 Zeitungen, Zeitschriften und
Fernsehsender tätig. Zu seinen bisherigen
Auftraggebern zählen Geo, P.M., Die Zeit,
BBC Wildlife, nano und Welt der Wunder. Als
Geschäftsführer eines Münchener Verlages
entwickelte der diplomierte Biologe
Medienprojekte zu Bildungsthemen, darunter
ein Magazin, das eine verkaufte Auflage von
1,28 Millionen Exemplaren erzielte. Er ist
Co-Autor bzw. Herausgeber von drei Büchern
und wurde mit mehreren Journalistenpreisen
ausgezeichnet. Seine Erfahrung gibt er als
Hochschuldozent für Journalismus und
Kommunikationsmanagement weiter.